„Es wäre ein Fehler, diese Technologie aufzugeben.“

“Wirtschaft und Politik denken um und entdecken: In Deutschland gibt es vertrauenswürdige Anbieter“, meint Thorsten Urbanski, Public Relations Manager bei dem Security-Anbieter G Data und Leiter der TeleTrusT-Arbeitsgruppe „IT-Security made in Germany“. Im Interview mit Digital Heartland spricht er über die Entwicklung des deutschen Security-Marktes.
 

© Chris Cockram - freeimages.comDie Snowden-Leaks jähren sich bald. Wie reagieren Unternehmen auf die Sicherheitslage? Was sind Ihre Erfahrungen?

Es gibt eine zunehmende Bereitschaft zum Wechsel von US-amerikanischen zu deutschen Anbietern, die Nachfrage nach deutschen IT-Sicherheitslösungen wächst. Wir bemerken zurzeit einen Anstieg der Nachfrage im zweistelligen Bereich. Das betrifft auch andere Anbieter, wie wir über die Mitglieder im Verband TeleTrusT wissen.

Auch bei Cloud Computing ist die Sensibilität für Sicherheit und Datenschutz gestiegen. Viele Kunden betreiben eine Private Cloud oder wechseln zu deutschen Anbietern – und auch hier zeigt der Trend nach oben. Einzelne Anbieter sollen sogar Umsatzsteigerungen von 50 Prozent haben.

Das klingt positiv. Sind die Snowden-Leaks ein Glücksfall für die deutsche IT-Branche?

Das Thema IT-Sicherheit ist stärker auf der politischen Agenda als zuvor und das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer eigenen Industrie ist bei den Entscheidungsträgern deutlich gestiegen. Die Ereignisse des letzten Jahres sind daher eine große Chance für den deutschen Markt. In den Non-IT-Branchen hat bereits ein Umdenken eingesetzt, vor allem im Mittelstand. Die Unternehmen suchen nach vertrauenswürdigen Anbietern. Da haben inzwischen deutsche Unternehmen die Nase vorn.

Vertrauen ist also eine Art Schlüsselmerkmal für IT-Sicherheit.

Ich kann natürlich nur für G Data sprechen: Wir garantieren unseren Kunden, das G Data Sicherheitslösungen keine Hintertüren für Geheimdienste eingebaut haben. Das können nicht-deutsche Anbieter, wie beispielsweise US-amerikanische schon per Gesetz nicht garantieren, denn sie sind durch den US-Patriot Act von 2001 auf Anfrage zu einer Zusammenarbeit mit ihren Geheimdiensten verpflichtet.

Generell kann man sagen: Security-Anbieter hierzulande stehen für Qualität und garantieren, dass ihre Produkte keine versteckten Hintertüren enthalten. Zu erkennen sind diese Anbieter am markenrechtlich geschützten TeleTrusT-Qualitätszeichen „IT Security made in Germany“.

© ematil1023 - freeimages.comReichen solche Aktionen aus? Ist da nicht auch die Wirtschaftspolitik gefragt?

Der deutsche Binnenmarkt ist sehr bedeutend, aber im Vergleich zu den USA natürlich kleiner. Es wäre im internationalen Wettbewerb wünschenswert, wenn die Rahmenbedingungen für IT-Unternehmen weiter verbessert würden. Im Kontext der Diskussion um die digitale Souveränität eines Landes, sollten Schlüsseltechnologien daher unbedingt durch hiesige Hersteller besetzt werden. Nur durch vertrauenswürdige Security-Anbieter können wir den Standort Deutschland absichern und unsere Wirtschaft beispielsweise vor digitaler Wirtschaftsspionage schützen.

Was ist mit dem „Schengen-Routing“? Ist die Begrenzung der Übermittlung von Datenpaketen auf die EU eine realistische Möglichkeit?

Es ist zwar wünschenswert, überflüssige Routen einmal um den Erdball möglichst zu vermeiden, doch einen reines EU-Internet ist nur schwer umsetzbar. Denn einerseits ist das Internet ein globales Gebilde. Viele Unternehmen müssen weltweit Daten senden und empfangen. Sie würden also ohnehin den Schengen-Raum verlassen.

Andererseits ist es undenkbar, dass eine Art Parallel-Infrastruktur aufgebaut werden könnte. So sind schon auf der Ebene der notwendigen Hardware meines Wissens nach kaum Alternativen vorhanden. Dieser Zug ist scheint abgefahren zu sein.

Welche Maßnahmen sollte die Politik stattdessen ergreifen?

Die Politik sollte auf verschiedenen Ebenen aktiver werden und bestehende Vergabeverfahren überdenken. In anderen EU-Ländern, wie beispielsweise Frankreich, ist das längst gelebte Wirtschaftspolitik.

Eine zweite Möglichkeit ist eine aktive, europaweit koordinierte Industriepolitik. Das beste und erfolgreichste Beispiel ist die Luftfahrt. Ohne die Airbus-Initiative gäbe es in diesem Marktsegment in Europa keinen konkurrenzfähigen Flugzeugbauer mehr. Eine Art Airbus-Projekt im Bereich IT-Sicherheit wäre eine Option. Zu tun gäbe es genug.

Reagiert die Politik denn schnell genug?

Ich bin optimistisch: Im Gegensatz zur Situation vor wenigen Jahren ist jetzt der politische Wille da. Die NSA-Affäre hat sicherlich dazu beigetragen, dass Hersteller von IT-Security-Technologien zu den Schlüsselindustrien des 21. Jahrhunderts zählen. Der Koalitionsvertrag lässt den politischen Willen zur Förderung der heimischen Wirtschaft klar erkennen.

Auch in NRW?

Besonders in NRW. Die Region ist ein Hotspot für Technologien zur Informationssicherheit. Es gibt neben diversen Security-Anbietern zahlreiche Forschungseinrichtungen, unter anderem das weltweit renommierte Horst Görtz Institute für IT-Security an der Ruhr-Universität Bochum.

Initiativen wie Industrie 4.0 oder Personalien wie der neu installierte Beauftragte für Digitale Wirtschaft NRW zeigen, dass die Landespolitik diesen Sektor in den Blick genommen hat. Es wäre ein Fehler, hier Technologien aufzugeben. In NRW sind wir hier sicherlich auf einem guten Weg.

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