EU-Studie zur IKT-Branche: Einäugig mit Tunnelblick

Für eine aktuelle Studie über die Leistungsfähigkeit der IKT-Branche in Europa richtete die EU-Kommission ihren strengen Blick auch auf Nordrhein-Westfalen. Und was sah sie dort? Nichts. Jedenfalls nichts, was zur Spitzengruppe gehört. Eindeutiger Vorzeigestandort mit europaweiter Leuchtkraft ist München. Danach kommt lange gar nichts und irgendwann kommt dann der übliche Verdächtige (Berlin, Platz 15).

NRW schneidet nicht gut ab als Standort. Bonn landet immerhin noch auf Platz 12. Das dürfte der Präsenz der Telekom sowie ihrer Satelliten und auch ein wenig dem BSI geschuldet sein. Auf Platz siebzehn folgt dann Aachen, das mit seiner technischen Hochschule und zahlreichen Ausgründungen punkten konnte. Und das war’s. Die zuletzt noch in der Bitkom-Gründerstudie als Hotspot gekennzeichnete Region Köln/Düsseldorf verschwindet in den hinteren Rängen.

Stimmt das? Entspricht das der Entwicklung der Startup-Szene in beiden Städten in den letzten Jahren? Und was ist mit dem Ruhrgebiet? Immerhin wurde in Dortmund einer der ersten Internetprovider hierzulande gegründet, noch lange bevor die Beamten der damaligen grauen Post wussten, wie man dieses Wort schreibt.

Natürlich ist eine ehemalige Spitzenstellung keine Garantie für die Zukunft. Doch die Studie hat einige Eigenheiten, die dem IKT-Standort NRW nicht unbedingt gerecht werden. So bewertet sie die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft nach administrativen Einheiten. In Deutschland sind das die Kreise und kreisfreien Städte, in Frankreich die Departements, in Großbritannien die Countys.

Die Konsequenz: Zentralisierte Regionen wie München, London und Paris werden überbewertet. Auch wenn Leser aus Bayern jetzt zusammenzucken, aber zwei, drei Dutzend Kilometer hinter der Münchner Stadtgrenze beginnt die Pampa. In der gleichen Entfernung von den Stadtgrenzen Kölns oder Düsseldorfs dagegen beginnt überhaupt erst der Gürtel aus IKT-Unternehmen, aber halt auf unterschiedliche Städte und Kreise verteilt.

Ein plakatives Beispiel: Die deutsche Niederlassung des international agierenden IT-Riesen Computacenter in Kerpen erwirtschaftet mit beinahe viertausend Mitarbeitern etwa 1,4 Milliarden Euro Umsatz – in Deutschland. Diese Wirtschaftskraft ist gut für Kerpen, das es aber natürlich trotzdem nicht in die Spitzengruppe schafft. Umgekehrt „fehlt“ Köln damit ein wichtiger Indikator.

Ähnlich schwierig macht es die Studie dem Ruhrgebiet. Mit Blick auf Aussagekraft dürfte es statistisch nicht in seine einzelnen Gemeinden geshreddert werden, sondern wäre als Metropole zu interpretieren. Mehr noch: Die gesamte Region an Rhein und Ruhr ist weniger ein typisches Ballungszentren wie London, sondern eher ein Urban Sprawl wie der Großraum Los Angeles/San Francisco in den USA.

Durch die Kirchturmperspektive der EU-Studie werden wirtschaftlich interagierende Großräume künstlich zerlegt, so dass alles außerhalb der engen Verwaltungsgrenzen im Nebel der Kurzsichtigkeit bleibt. Dieser eingeschränkte Blick auf die Realität der NRW-Digitalwirtschaft zeigt sich auch in der Bestimmung der Branchengrenzen.

Ganz generell scheint der Bereich IT-Services in der EU-Studie nicht genug Gewicht zu erhalten. Entsprechend der offiziellen NACE-Definition ist das ganze Umfeld des IT-Servicemanagement nur ein Punkt unter vielen, hat jedoch in den letzten 20 Jahren eine enorme Bedeutung gewonnen. Welches größere Unternehmen kommt noch ohne irgendeinen IT-Dienstleister aus?

Doch auch jenseits der klassischen Computerdienstleistungen gibt es eine enorme wirtschaftliche Entwicklung, die traditionelle Branchengrenzen sprengt. Startups wie Readfy (Lese-App) oder Coupies (Gutschein-App) sind kaum sauber in eine schlichte Zweiteilung nach IT-/Non-IT-Unternehmen einzuordnen. Beide Unternehmen nutzen IT, um ihre digitalen Services und Produkte überhaupt erst „herzustellen“.

Hier wie bei vielen anderen Startups sind Software und Service sehr stark miteinander verknüpft. Ähnlich ist das bei vielen E-Commerce-Startups, aber auch bei zahlreichen Content-Anbietern wie Contilla. Und auch das an vielen Hochschulen bearbeitete Lieblingsprojekt deutscher Wirtschaftspolitiker kommt nicht vor: Industrie 4.0. Auch hier geht es viel um IKT, aber verknüpft mit klassischen Industrien wie Elektronik oder Maschinenbau.

JungpflanzenEs ist bei vielen Unternehmen der wachsenden Digitalwirtschaft nicht auf den ersten Blick klar, in welche NACE-Kategorie sie eingeordnet werden sollten. Aus der EU-Studie scheinen sie aber weitgehend herausgefallen zu sein. Damit wird aber der EU-Atlas der IKT-Spitzenkompetenzpole der zunehmenden Digitalisierung traditioneller Branchen nicht gerecht.

Die hinteren Plätze für NRW erklären sich also aus drei Entscheidungen zum methodischen Design der Studie. Die Orientierung an Verwaltungseinheiten übersieht das Zusammenwachsen von Kleinräumen. Die Untergewichtung von IT-Services übersieht deren stetiges Wachstum als Unterboden der Gesamtwirtschaft. Der Fokus auf harte Kern-IT übersieht viele der neuen Unternehmen, die sich durch eine starke Verschränkung von IT und (digitalem) Produkt auszeichnen. Dadurch geben die Ergebnisse nur eine eingeschränkte Sicht auf die Digitalwirtschaft – einäugig mit Tunnelblick.

Allerdings: Die Studie zeigt gerade dadurch sehr deutlich, wo ein entscheidendes Problem von NRW liegt. Es ist die mangelnde Vernetzung der Einzelstandorte. Einerseits wirtschaften die Verwaltungseinheiten zu häufig durch Scheuklappen behindert nebeneinander her, andererseits gibt es nicht genug Austausch zwischen der jungen Digitalwirtschaft und den aberdutzenden Hochschulen und Forschungseinrichtungen.

Die Landespolitik hat das offensichtlich bereits erkannt und reagiert mit ersten Maßnahmen. Das Clustermanagement IKT.NRW ist schon seit einiger Zeit aktiv, ein Beauftragter für die Digitalwirtschaft hat seine Arbeit aufgenommen, ein Referent Digitale Gesellschaft in der Staatskanzlei ebenfalls. Das ist schon mal ein Anfang.

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