Hallo Kanzlerin: Das deutsche Google ist da

10.000 Quadratmeter. Etwa so groß ist eines der mehr als ein Dutzend Großrechenzentren von Google, die über alle Kontinente verteilt sind. Nicht weit von Nordrhein-Westfalen, im wallonischen Belgien, steht eines der drei europäischen Rechenzentren. 120 Leute arbeiten dort und betreiben ein paar tausend Server, die einen Teil der Suchanfragen an Google behandeln.

Ein Quadratmeter. Etwa so groß ist die gemeinsame Grundfläche zweier Quadcore-Server. Sie stehen im Büro von Michael Schöbel in Marl, ein wenig nördlich vom Ruhrgebiet. Einer ist der Crawler, der andere der Server. Beide zusammen machen dasselbe wie Google: Das Netz durchsuchen, einen Index erzeugen und dann Fragen beantworten.

Experten schätzen die Größe des World Wide Web auf mindestens 635 Millionen Webserver mit ungefähr 14 Billionen Webseiten. Der Suchindex von Google enthält nur einen Teil dieser Seiten, denn das Web besteht auch aus vielen nicht-indexierbaren (also nicht verlinkten oder nicht erreichbaren) Dokumenten, die Google nicht erreichen kann.

Die kleine Suchmaschine aus Marl heißt Acoon und hat einen Index mit gut320 Millionen Webseiten. Sie kann etwa zehn gleichzeitige Anfragen beantworten. Der Crawler verarbeitet rund 1000 Webseiten pro Sekunde. Es dauert ungefähr eine Woche, einen neuen Index im Web zusammenzusuchen. In dieser Zeit durchforstet der Server 20 Terabyte Daten und erzeugt daraus eine 400 Gigabyte große Datensammlung.

Google existiert seit 1998 und ist längst mehr als eine Suchmaschine. Das ehemalige Startup ist ein gigantischer Konzern, der sein Geld hauptsächlich über geschickt platzierte Werbung verdient. Google ist überhaupt die größte Maschine der Welt zur Umwandlung von Aufmerksamkeit in Geld und ein ziemlich dicker Fleck auf der Karte des Internets.

Acoon kam 1999 auf den Markt, als die Suchindizes der Suchmaschinen noch weniger als 200 Millionen Webseiten enthielten. Doch Google hatte die beste Suche, die übersichtlichste Startseite und bald auch den größten Index. Das deklassierte in kurzer Zeit die gesamte Konkurrenz – alle nutzten nur noch Google. Und Acoon? Sie ist ein Nanopunkt auf der Karte, irgendwo auf Platz 400.000 der meist besuchten Websites.

Eine eigenständige Suchmaschine

Ironiker könnten einwerfen, das Größenverhältnis zwischen Google und Acoon illustriere einfach bloß die Bedeutung des Internets in Deutschland. Doch sie übersehen den Punkt: Acoon hat Potential – aber nicht als Google-Klon, sondern als eigenständige Suchmaschine.

Michael Schöbel hat vor einiger Zeit begonnen, die Software zu verbessern. “Sie ist immer noch weit weg davon, in der Liga von Google oder Bing zu spielen – aber sie wird besser”, meint der Entwickler. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen handelt sich um ein recht beeindruckendes Stück Software: Es ist eine mehr oder weniger vollständige Eigenentwicklung.

Crowdfunding-Kampagne

Acoon ist eine Open-Source-Software zum Betrieb einer datenschutzfreundlichen Suchmaschine und zugleich ein Service für eine anonyme Websuche. Server und Firmensitz sind in Deutschland, die Datenübertragung wird mit HTTPS/SSL geschützt, es werden keine IP-Adressen und Cookies gespeichert. Für die Finanzierung setzt Acoon auf Crowdfunding. Während der laufenden Crowdfunding-Kampagne garantiert Acoon zunächst den werbefreien Betrieb bis zum 31.7.2013. Für je 1.000 EUR soll ein weiterer Tag ohne Werbung hinzu kommen.

Um überhaupt akzeptable Leistungen auf der beschränkten Hardware zu erreichen, hat Schöbel praktisch alles „von Hand“ gebaut. So ist der Index nicht in einem der bekannten Datenbanksysteme gespeichert, sondern in einem selbst entwickelten Speicherformat. Doch die große Frage ist: In welche Richtung kann eine sinnvolle Weiterentwicklung von Acoon gehen?

Im ersten Schritt müsste Schöbel die generelle Leistungsfähigkeit der Software verbessern – vor allem die Begrenzung auf statische Webseiten müsste fallen. Ein zweiter Schritt könnte die Übertragung der Delphi-Quellcodes in eine plattformunabhängige Programmiersprache sein, zum Beispiel in das an Delphi orientierte FreePascal/Lazarus. Und in einem dritten Schritt müsste das System auf “Distributed Computing” umgerüstet werden.

Dieser letzte Schritt ist entscheidend für eine sinnvoll einsetzbare, unabhängige Suchmaschine. Die fehlgeschlagenen Versuche, eine zentrale europäische Suchmaschine zu etablieren, zeigen deutlich: So geht es nicht. In Europa, und ganz besonders in Deutschland, fehlen schlicht und einfach Investoren, die ausreichend Geld in die Hand nehmen. (Außerdem gibt es Google ja schon.)

Verteilt, dezentral, nicht kommerziell

Ein deutsches Google wird niemals verwirklicht werden, aber eine kleinere Suchmaschine wie Acoon hat das Potential, von Google (mehr und mehr) vernachlässigte Bereiche wieder stärker sichtbar zu machen. Als von Enthusiasten und Sponsoren betriebene, dezentral installierte, verteilt arbeitende Suchmaschine mit einem fokussierten Index hat Acoon tatsächlich eine Chance.

Zum Beispiel im nicht-kommerziellen Web. Es gibt Abertausende Foren, Wikis, Blogs und private Webangebote, die mit einer alternativen Suchmaschine mehr Besucher bekommen könnten. Ähnliches betrifft auch die Websites von Kindergärten, Schulen, Vereinen und anderen kleinen Institutionen. Oder die Organisationen in bestimmten Wissensgebieten vernetzen sich quer und bauen einen für ihren Bereich umfassenden Suchindex auf.

So oder so ähnlich könnte tatsächlich eine sinnvolle und nutzbringende Ergänzung zu Google entstehen. Der Gedanke an eine Alternative und Konkurrenz verstellt den Blick für die Möglichkeiten. Wenigstens auf absehbare Zeit ist Google bei der Websuche nicht zu schlagen. Aber es gibt mehr als eine Nische neben, vor oder hinter Google.

Bildquelle: Thorsten Freyer / pixelio.de

Are there search engines other than Google or Bing? Not many. A real one with self-contained search technology is Wolfram Alpha. Others like DuckDuckGo or IxQuick are using third party resources. Some others are gone: Alltheweb was powered down 2011 and Altavista 2013. And there is Acoon.

It’s a search engine and crawling the web since 1999 – a small but working german service. Founded in the last months of the Dotcom Era, it survived in its niche. The search index has just 320 million web pages and Acoon is serving a few million requests per month. Its developer Michael Schoebel lives in Marl, somewhat north of the Ruhr District. He released Acoon as Open Source and works now on enhancements.

„It is still far away from being in the same league as Google or Bing, but it will get better“, says Schoebel. „Maybe this can be a starting point to create an open source alternative to the Big Ones in the search business. “ A dream or a viable chance? There are ecological niches alongside Google. One may be distributed computing and decentralized search in the non-commercial web.

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