Online-Kurse: Offene Bildung im Netz

HörsaalSeit gut 30 Jahren entwickelt und diskutiert der Philosoph Michael Sandel seine Gerechtigkeitstheorie vor und mit seinen Studenten – in Harvard, der bekannten Ivy-League-University in Cambridge, Mass. Die Studienplätze dort sind wie in jeder Universität ein knappes Gut. Ist das gerecht? Eigentlich nicht, denn Sandels Public Philosophy benötigt für ihre Wirkung die Öffentlichkeit, zum Beispiel die des Internets.

Justice with Michael Sandel„, der legendäre Ethikkurs des Philosophen, kann seit einiger Zeit im Internet von jedem gesehen werden, und jeder kann mitdiskutieren. Sandel gehört zu den frühen Vertretern eines Trends, der auch an anderen Universitäten angekommen ist: Offene Bildung. Wer eine Vorlesungsreihe der Stanford University über mathematisches Denken hören will, muss weder dort eingeschrieben sein noch in den USA leben.

Solche Videokurse bestehen meist aus kapitelartig gegliederten Videos, zusätzlichen Tests und Materialsammlungen sowie einer Möglichkeit, zu den Themen zu diskutieren – untereinander und mit den Dozenten. Zudem sind sie offen für alle Interessenten. Als Bezeichnung haben sich der englische Ausdruck „Massive Open Online Course“ und das Akronym MOOC (sprich: Muuk) eingebürgert.

Selbstlernen für alle und jeden

Richtige MOOCs sind jedoch weit mehr als bloß abgefilmte Vorlesungen: Zum einen sind sie didaktisch für den im Internet üblichen Medienmix aufbereitet und zum anderen finden viele MOOCs in Echtzeit statt, können aber später trotzdem noch angeschaut werden. Während der eigentlichen Kurszeit ist die direkte Rückmeldung an den Dozenten und eine Antwort darauf möglich.

Inzwischen gibt es auch schon einige Unternehmen, die solche MOOCs sammeln und anbieten. Bei den US-Unternehmen Coursera und Udacity bieten hunderte Universitäten aus aller Welt Kurse in englischer Sprache an, aber auch in chinesisch, spanisch und italienisch. Wer sich also mit fortgeschrittenen Themen aus allen Wissenschaften beschäftigen möchte, der findet hier alles Notwendige.

Einstiegshürden gibt es keine, es geht um Selbstlernen für alle und jeden. Diese freie Online-Universität ist die neueste Entwicklung des Langzeittrends E-Learning. Für viele Leute ist das schon Alltag. Vor allem IKT-Unternehmen haben E-Learning zum Defacto-Standard in der beruflichen Weiterbildung gemacht.

HörsaalNach einer Umfrage des Branchenverbands Bitkom nutzen etwa zwei Drittel der Unternehmen (63 Prozent) bereits IT-unterstütztes Lernen. Auch Bildungseinrichtungen, Bibliotheken und Volkshochschulen ändern sich Schritt für Schritt und haben sich dem Online-Lernen verschrieben. Gerade jetzt, zu Beginn des Wintersemesters ist eine deutsche Online-Universität an den Start gegangen: Iversity, eine Art Dachservice für MOOCs aus unterschiedlichen Quellen.

Im Unterschied zu Udacity stehen hier weniger die Unis als vielmehr einzelne Professoren und Institute im Mittelpunkt. Ein Teil der in diesem Herbst angelaufenen Kurse hat starken Schaufenstercharakter. So gibt es zum Beispiel recht populäre Kurse zu Storytelling und Social Media, die als eine Art Studium Generale natürlich relativ viele Leute anziehen.

Modelle für den Einsatz von MOOCs

Doch es gibt auch Brot-Und-Butter-Kurse wie die Einführung in die Betriebswirtschaftslehre des Aachener Professors Frank Piller. Dafür gibt es sogar ECTS-Punkte, so dass hier nicht der Allgemeinbildungscharakter im Vordergrund steht. Klar ist es toll, sich einfach so mit Themen aus der Wissenschaft zu beschäftigen. Doch wirklich Sinn machen MOOCs von Universitäten nur dann, wenn sie offen, aber auch Teil eines grundständigen Studiums sind.

Der Bielefelder Informatikprofessor Jörn Loviscach unterrichtet Themen aus der Ingenieurmathematik und technischen Informatik schon seit langem via Youtube und seit einiger Zeit auch auf Udacity. Er nutzt das MOOC-Prinzip als Ergänzung zu seinen Veranstaltungen an der FH Bielefeld. Genauer: Die eigentlichen Vorlesungen finden nur noch im Internet statt. Die Veranstaltung vor Ort wird für das Einüben und Vertiefen der im Video präsentierten Themen genutzt.

Für die Dozenten der Fernuni Hagen ist so etwas nicht neu, den Audio, Video und Internet werden in den Hagener Kursen schon länger als Lernmedien genutzt. Und auch mit MOOCs experimentiert die Fernuni. Da es für ihre Studiengänge bereits ein ausgefeiltes Portfolio an Selbstlernkursen gibt, betonen die Hagener in ihrem ersten MOOC eher den Begriff „Open“: Die Videos zur Technik des wissenschaftlichen Arbeitens können auf Youtube von jedem angesehen werden.

Senior chemistry professor writing on the boardSo zeigen sich verschiedene Modelle des Einsatzes von MOOCs. Doch den größten Nutzwert für eingeschriebene Studenten dürfte die Kombination aus MOOC, Veranstaltung und einer Prüfung mit anschließender Vergabe von ECTS-Punkten sein. Langfristig könnte daraus sogar ein Hybrid aus Präsenz- und Fernuni entstehen. Doch im Moment gibt es noch viele offene Fragen.

Ein entscheidender Punkt ist die Struktur des Internets als „Winner-Takes-It-All“-System. Ähnlich wie bei Google und Facebook gibt es für gleiche oder sehr ähnliche Dinge kaum eine Existenzmöglichkeit für mehrere Alternativen. Das gilt auch für MOOCs: Ein wirklich Gutes zu jedem Thema reicht. Sobald die ECTS-Frage geklärt ist und die Studienordnungen eine Fremdbelegung erleichtern, könnte wenigstens in Europa eine Art akademisch-intellektueller Verdrängungswettbewerb anfangen.

Das lässt sich sehr gut an Michael Sandel und seiner Gerechtigkeitstheorie zeigen. An vielen Unis gibt es Vorlesungen und Seminare zum Thema – mal als Rundumschlag von Kant über Rawls bis Sandel, mal als Spezialseminar über ein Sandel-Buch. Vieles davon könnte auch als MOOC angeboten werden. Doch welche Berechtigung haben solche rein interpretierenden Online-Kurse, wenn Studierende sich das Thema auch bei Michael Sandel selbst erarbeiten können?

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MOOCs (Massice Open Online Courses) arrived in Germany, many universities are already experimenting with this learning technique. Jörn Loviscach from University of Applied Sciences Bielefeld is one of the pioneers, offering lectures on Youtube for some time and uses the class only for exercises. Another early adopter is Frank Piller from Technical University Aachen, who has designed a course for introduction to business management as a MOOC. It can be found in the new german online university Iversity, in addition to other lectures on social media, storytelling and mathematics.

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