Schneller entscheiden, Fehler aushalten

joerg-bienert1Jörg Bienert, Gründer des Big-Data-Spezialisten ParStream in Köln kennt das Silicon Valley inzwischen recht gut. Sein Unternehmen hat im letzten Jahr in Palo Alto eine US-Niederlassung eröffnet und konnte eine ganze Reihe namhafter US-Investoren gewinnen. Überzeugt hatte sie die Technologie: Eine neuartige analytische Datenbank, die Massendaten in Echtzeit verarbeitet. Im Interview erklärt er die Unterschiede zwischen dem Silicon Valley und der deutschen IT-Branche.
 

 Was fällt einem Geschäftsreisenden am Silicon Valley sofort auf? Was ist dort so besonders?

Der Umgang ist unkompliziert und kollegial. Die Leute im Silicon Valley kommen sehr rasch untereinander oder mit Gästen ins Gespräch, sie haben eine stark kommunikative Prägung. Ein Beispiel: Wer auf der Suche nach bestimmten Fähigkeiten ist oder einem besonderen Knowhow, wird dort von jedem Gesprächspartner sofort an bestimmte passende Kontakte weitervermittelt. Das geschieht oft direkt während des Gesprächs via Mail.

Und abends sind schon die Antworten in der Inbox. Allerdings bedeutet das: Genau dieses Verhalten wird auch vom Gegenüber erwartet, etwa eine unmittelbare Reaktion auf die abendliche Mail. Wer da länger als ein paar Stunden braucht, wird schon komisch angeschaut. Ganz undenkbar ist es, solche Anfragen ein paar Tage ohne Reaktion liegen zu lassen.

Diese Einstellung vereinfacht aber die Kontaktaufnahme und ist natürlich in der Akquise von Kunden deutlich angenehmer. Hinzu kommt eine größere Bereitschaft zu Experimenten. US-Unternehmen haben zu neuen Technologien eine positive Einstellung. Sie sagen oft recht schnell: Her damit, wir probieren das mal aus. Wenn es nicht klappt, haben wir aber wertvolle Erfahrungen gemacht.

Das ist in Deutschland aller Erfahrung nach ganz anders.

Das ist ein deutlicher Unterschied zu Deutschland. Zugespitzt ausgedrückt: In den USA geben Unternehmen auch mal 50.000 Dollar aus und leben mit dem Risiko des Scheiterns. Deutsche Unternehmen zahlen in so einer Situation 200.000 Euro für die absichernde Studie eines Unternehmensberaters und machen dann gar nichts.

Das hat einen bekannten Grund: Ein Fehlschlag wird hier in Deutschland als Makel empfunden. Das ist ein grundlegender Mentalitätsunterschied, der in deutschen Unternehmen zu einer Entscheidungsschwäche führt. Da niemand für einen Fehlschlag verantwortlich sein will, werden Entschlüsse gerne verzögert.

In den USA ist das anders, dort entscheiden auch sehr große Unternehmen vergleichsweise schnell und vieles geht deutlich unkomplizierter. Die Entscheidungsfreudigkeit der Unternehmen sorgt in der schnelllebigen IT-Branche für eine rasche Marktdurchdringung und damit einen schnellen Erfolg.

Die Produkte werden schnell entwickelt und an den Kunden gebracht. Vor allem im B2B-Sektor ist das in Deutschland kaum nachzuahmen. Mangelnde Risikobereitschaft und Entscheidungsfreunde im Binnenmarkt sorgen dafür, dass die IT-Branche hinterher hinkt.

Sind das die einzigen Unterschiede?

Das ist nicht alles, ein wichtiger und für die Gründerkultur entscheidender Unterschied ist das Bild des Unternehmers in der US-Gesellschaft. In Deutschland schwirrt in den Köpfen immer noch eine Karikatur herum – der Unternehmer als dicker, glatzköpfiger, Zigarre rauchender Anzugträger, der seinen Reichtum durch Ausbeutung erwirtschaftet.

Die gesamte öffentliche Wahrnehmung des Unternehmers in Deutschland ist verzerrt. Wer sich in irgendeiner Weise in die Öffentlichkeit begibt, etwa als Mäzen und Sponsor wie Bill Gates, zieht sofort eine heftige Neiddiskussion auf sich und erntet mit seinen Aktionen Verrisse in den Medien.

Das müsste dringend verändert werden, vor allem in den Schulen und Universitäten. Ähnlich wie in den USA sollten Unternehmer als eine Art „Vorbild“ auftreten können – immerhin haben selbst kleinere Unternehmen ein paar Dutzend bis einige hundert Arbeitsplätze geschaffen.

Ist Deutschland deshalb kein guter Standort für moderne IT-Unternehmen?

Abseits solcher mentaler Probleme: Deutschland ist kein schlechter Standort für Unternehmen und auch nicht für Gründer. Es gibt eine einigermaßen brauchbare Gründungsförderung und auch die oft beklagte Bürokratie ist eher nervig als hinderlich. Allerdings gibt es viel Nachholbedarf in Sachen Investoren und Mentoren – sie sind viel zu selten. Unternehmer verbringen zu viel Zeit mit der Suche nach ihnen.

Deutschland hat viele Stärken. So ist der Ausbildungsstand hoch, es gibt viele gut qualifizierte Leute. Hier entwickelte Produkte haben – unabhängig von der Branche – eine sehr hohe Qualität. Mein Unternehmen wird deshalb weiterhin in Deutschland entwickeln, den US-Vertrieb aber im Silicon Valley aufbauen. Ganz generell wäre das eine gute Kombination für die deutsche IT-Branche: Deutsche Qualität plus amerikanisches Networking.

Bildquelle: ParStream

Jörg Bienert is CTO and Co-Founder of ParStream, a company developing Big Data database technology located in Cologne, Germany. He recently opened an office in Palo Alto, CA. So he is somewhat experienced when it comes to the differences between corporate culture in the Bay Area and in Germany. Just a few quotes from the interview with „Digital Heartland“:

“The people are really friendly, open with a focus on communication. And they expect this behavior from everyone. If you need more than a few hours to answer a mail they will raise their eyebrows.”

“US enterprises are more into experiments. They accept new technologies with a positive attitude. You will hear very soon: OK, let’s try it. If it fails we will have a valuable experience.”

“Germany could not be farther from that. German people have a whole different mindset. Nobody will want to be held responsible for a failure, so they tend to shelve projects.”

“However Germany is a good business place – for corporations and for founders. The country has many valuable assets. There is a high level of education and there are many qualified professionals. Whatever the industry, German products are always of the best quality.”

“All in all the best combination for the German IT sector would be German quality plus American networking.”

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