Wirtschaftsförderung 2.0: Venture Capital für das Rheinland

JungpflanzenZweitgrößte Bruttowertschöpfung nach dem Handel, zweitgrößter industrieller Arbeitgeber nach dem Maschinen- und Anlagenbau – die IKT-Branche bestimmt die bundesdeutsche Wirtschaft weitaus mehr, als vielen Leuten bewusst ist. Dies gilt auch für Nordrhein-Westfalen. Hier arbeitet ein gutes Fünftel der bundesweit etwa 917.000 Beschäftigten. Der Umsatz liegt entsprechend hoch bei gut 92 Milliarden Euro.

Das sind Erfolge, die so gar nicht ins Klischee der Region passen. Das wird immer noch durch die Trias „Dom, Pütt & Pappnase“ bestimmt. Das typische NRW-Foto zeigt ebenfalls diese nicht aus den Köpfen zu kriegenden Symbole. Besonders beliebt für Wirtschaftsthemen sind Fotos einer Gruppe Bergleute mit von Kohlestaub befleckten Gesichtern, schief aufgesetzten Helmen und hell leuchtender Stirnlampe. Wenn Wahlen sind, findet sich im Vordergrund oft ein sehr ernst (CDU) oder besonders kumpelig (SPD) auftretender Politiker.

Wirtschaftsmotor IKT

Bestimmend ist der Bergbau als Branche aber nicht mehr. Die Bergwirtschaft in NRW beschäftigt insgesamt 28.000 Menschen, davon weniger als 10.000 unter Tage im Steinkohlebergbau. Mit IKT dagegen verdienen inzwischen rund 190.000 Menschen ihr Geld. Und es werden immer mehr, denn es gibt in diesem Industriesektor einen konstanten, seit Jahren anhalten Aufwärtstrend bei den Arbeitsplätzen.

Ein Ende ist vorläufig nicht in Sicht, die Unternehmen haben trotz aktiver Einstellungspolitik ständig offene Stellen. Auch die Zahl der Neugründungen in diesem Bereich ist ebenfalls seit geraumer Zeit konstant hoch. Und genau am Entstehen und Wachsen von Unternehmen lässt sich der Strukturwandel der Region bestens darstellen. Die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft haben sich deutlich geändert, dies zeigt sich besonders bei Neugründungen.

Wer vor einigen Jahrzehnten ein Unternehmen gründen wollte, der ging mit großer Selbstverständlichkeit zur örtlichen Bank, sprach mit dem ihm häufig schon bekannten Berater und kam dann bei Erfolg mit einem Bündel an Finanzierungsmaßnahmen zurück – zum Beispiel Darlehen, Kontokorrentkredite, aber auch Beteiligungen und vermittelte Förderkredite aus staatlichen Mitteln.

491912_original_R_K_B_by_Rainer Sturm_pixelio.deDas ist heute schwieriger, da die Banken die Kreditfinanzierung von Jungunternehmen und Gründern zurückfahren. Für bestehende Unternehmen gibt es Alternativen wie zum Beispiel Factoring (Forderungsverkauf), Genussrechte (Stimmrechtslose Beteiligung am Reingewinn) oder die Ausgabe von Aktien. Gründer und Startups haben es weniger leicht, haben sie doch vor allem in der IKT-Branche statt Sicherheiten lediglich gute Ideen und sehr viel Engagement zu bieten.

Finanzierung durch Investoren

Einem Investor reicht das unter Umständen aber schon. Investmentgesellschaften und -fonds, aber auch Einzelinvestoren ersetzen bei Startups zunehmend das Engagement der Geschäftsbank. Der honorige „Bankbeamte“ der Vergangenheit, der mit dem Unternehmer zusammenarbeitete und ihm auch schon mal Tipps aus seiner Erfahrung als Finanzier gab – der heißt heute „Business Angel“ und ist in einem „Inkubator“ angesiedelt, einem Brutkasten für Geschäftsmodelle und Unternehmenskonzepte.

Zum Beispiel der Startplatz im Kölner Mediapark, eine Kombination aus Coworking Space und Inkubator. Gegründet von den IT-Unternehmern Dr. Lorenz Gräf und Matthias Gräf, will der Startplatz Gründer unterstützen – mit der Infrastruktur einer voll ausgebauten Gewerbeetage, mit Workshops und Vorträgen, mit Beratung und Hilfe bei der Vermittlung von Venture Capital.

Der Inkubator wurde vor einem Jahr gegründet und ist in dieser kurzen Zeit zu einer wichtigen Anlaufstelle der Kölner Gründerszene geworden. Etwa 90 meist jüngere Leute arbeiten dort als Freiberufler, Selbstständige, angehende oder bereits aktive Unternehmer. Das breite Spektrum unterscheidet den Startplatz von anderen Kölner Inkubatoren wie Crossventures oder die Betafabrik.

Der Startplatz im Mediapark wirkt so, als gehe es weniger um Geld als vielmehr um das Machen. „Entrepreneuring“ heißt das heute, und ein ziemlich jung und hip wirkender Treffpunkt für Unternehmensgründer entspricht so gar nicht dem verstaubten Ärmelschoner-Deutschland der (nahen) Vergangenheit. Sind „wir in NRW“ also jetzt auf dem besten Weg in die digitale Zukunft?

Gründer-Hotspot Rheinland

„Es müsste in einer Stadt wie Köln mindestens fünf oder sechs Startplätze geben“, lässt Professor Dr. Tobias Kollmann die Traumblase direkt wieder platzen. Der Volkswirt hat mit seinem Lehrstuhl für E-Business und E-Entrepreneurship an der Universität Duisburg-Essen die Rahmenbedingungen der Gründerszene in NRW untersucht und dabei den Blick vor allem auf Venture Capital gerichtet.

640782_original_R_K_B_by_Uwe Schlick_pixelio.deDas Ergebnis der Studie lässt sich notfalls auch in zwei Worten zusammenfassen: Zu wenig. Es gibt in Deutschland zu wenige Business Angels, zu wenige formelle Beteiligungsgesellschaften und zu wenig Risikokapital für die einzelnen Gründungen. „Das ist ein wichtiger Grund dafür, dass es deutschen Startups schwer fällt, vitale Weltmarktführer zu werden“, meint Kollmann. „Wer wachsen will, um über Reichweite eine große Marktbedeutung zu erlangen, benötigt auf den Fall Venture Capital.“

Kollmann fordert in der vom Landescluster IKT.NRW angeregten Studie eine deutliche Förderung von Venture Capital: „Das steckt hier noch in den Kinderschuhen.“ Seiner Erfahrung nach sind alle entsprechenden Zahlen in den USA um mehrere Faktoren höher – es gibt dort mehr Business Angels, mehr Investoren und höhere Investitionssummen.

Kollmann schlägt vor, die Förderung stark auf den Raum Düsseldorf/Köln zu richten und dort vor allem den Aufbau von Gründerzentren, Inkubatoren und anderen Plattformen zu unterstützen. Diese Konzentration auf das Rheinland im engeren Sinne hat einen klaren Grund: Genau dieser Bereich ist bereits in Hotspot für IKT-Gründungen. Laut der Bitkom-Gründerstudie gehört das Rheinland zu den fünf wichtigsten Gründerregionen in Deutschland.

Grund für Zufriedenheit sieht Kollmann darin aber nicht: „In den USA ist bei Investoren die Risikobereitschaft größer und es gibt überproportional mehr Business Angels und Venture Capitalists als hierzulande. Das führt dann dazu, dass ein erfolgversprechendes Startup mit einem Vielfachen der hier üblichen Summen ausgestattet wird. Da haben wir viel aufzuholen.“

Bild: © Stefan Körber – Fotolia.com, Rainer Sturm / pixelio.de, Uwe Schlick / pixelio.de

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